Jazzstudio Nürnberg Jazzstudio Nürnberg Jazzstudio Nürnberg
Jazzstudio Nürnberg
News
Programm
Art of Jazz
Jazz Time
Das Jazzstudio
Links
Kontakt

2. Kapitel:
Von der Vorstadtkneipe zum Jazzunternehmen - das Jazz Studio Nürnberg


Stationen des Jazz Studios. Von Thomas Gerlach.

Die Geschichte des Jazz Studios beginnt wie alle großen Geschichten, nämlich ganz, ganz klein. Zu Beginn seiner Geschichte hieß das Jazz Studio nicht einmal so. Noch nannte man sich "Jazz Club", noch folge man den Großschreibungsregeln, aber schon gab es Ärger. In seiner Ausgabe Nummer 2 von 1954 meldete das schon damals umtriebige Fachblatt "Jazz Podium":

Jazzrummel

Nun, wie wir alle wissen, kam es anders. Doch zunächst bleibt zu erzählen, was vor jener ominösen Schmähmeldung des "Podium" passiert war; denn auch der besagte Jiiterbug Wettbewerb war nicht der Anfang des Jazz Studios. Es muss wohl so Ende der vierziger Jahre gewesen sein - genau lässt sich heute nicht mehr datieren, wann einige jazzverrückte Jungs (keiner war älter als 25; Frauen tauchen in den Annalen nicht auf, was wohl auch noch kein Thema wie heute war) beschlossen, in Nürnberg einen Jazzclub ins Leben zu rufen. Die Musik kannten sie bereits gut, denn es gab ja AFN.

Noch immer hatte der Jazz ein bisschen den Ruf des Verbotenen, Verruchten. Auf die armen Eltern muss das damals etwa so gewirkt haben wie vor 10 Jahren der Punk und heute die Seattle-Bands. Außerdem - auch das hört man heute in Gesprächen mit den Veteranen noch gut heraus - war erstmals grundsätzlich alles gut, was irgendwie mit den Vereinigten Staaten von Amerika zu tun hatte. Also traf man sich, simpelte fach und hörte Platten. Das erste Clublokal war etwas ungewöhnlich: tagsüber "ging" es seinem Hauptberuf als Friseursalon nach. Abends gewährte dort der Klarinettist Charlie Grasser den Jazzern Asyl. Einmal in der Woche veranstaltete er einen Schallplattenabend. Das Protokoll dieser Abende war etwas kurios: Das Schallplattenarchiv bestand aus wenigen V-Disc Scheiben und einer (einer!) Stan- Kenton-Platte. Die Pausen füllte Charlie Grasser mit Klarinettenvorträgen aus. Meistens wurde er dabei von einigen Kammbläsern begleitet! So also gestaltete die Nachkriegsjugend ihre Freizeit.

Glücklicherweise gründete 1950 die Amerikanische Army das "German Youth Activity Center" (GYA), in dessen Räumen am Dutzendteich die Jazzer eine erste ordentliche Heimat fanden. Die Ära des GYA dauerte aber nur zwei Jahre, dann lösten die Amerikaner die Einrichtung wieder auf - der Jazz Club jedoch blieb bestehen.

Allerdings war nun wieder Improvisation gefordert: Man traf sich in der längst verblichenen Gaststätte "Ritter" in der Adlerstraße, dort wo heute Karstadt steht, zum Jazzstammtisch. 1953 gründete sich ein gewisser Jazz Club Synkope, der einen Keller in der Nähe der Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth hatte.

Die Beziehungen zum "Jazz Club" waren aber zunächst nicht die besten: Die Herren von der "Synkope" sorgten unter anderem für den eingangs zitierten netten Artikel im "Jazz Podium". Für eine Weile sah es so aus, als sollte die "Synkope" auf lange Sicht der einzige Jazzclub in der Region bleiben. Allerdings gab es da noch immer ein Häuflein Aufrechter, die hartnäckig die Mitgliedschaft in der "Synkope" verweigerten und an ihrem Jazzstammtisch im "Ritter" festhielten. Sie scharten sich um Willi Quast, der die Schlüsselposition des 'Jazzplattenverkäufers' inne hatte, und um Horst Weber, der als erster Programmchef einer der 'Wissendsten' war.

Am 2. April 1954 entschloss man sich schließlich zu einer einschneidenden Maßnahme: Im Nebenzimmer der Gaststätte "Augsburger Hof' in der Augsburger Straße erblickte der "Jazz Club Nürnberg" das Licht der Welt. Unter seinen zunächst 13 Vätern (Frauen: Noch immer Fehlanzeige!) darf Willi Quast als Gründer in die Geschichte eingehen.

Auch in diesen Zeiten lief das Clubleben noch völlig anders ab, als man es heute im Jazz Studio 'besichtigen' kann. Dazu der heutige Plattenproduzent Horst Weber: "Musik 'live' zu hören, wie dies heute im Jazz Studio als selbstverständlich ist, daran wurde damals noch kein Gedanke verschwendet, denn es wäre dem Häuflein von 20jährigen finanziell und auch sonst unmöglich erschienen. Dafür gab es im 'Augsburger Hof' die neuesten 78er Scheiben mit hervorragender Musik, zu der wir uns häufig am Samstagabend bis zum Sonntagmorgen, versehen mit einigen Kästen Bier, einsperren ließen, Jazzfeste feierten und behaupteten, Bier gäbe keine Flecken. Sonntagmorgens zogen wir, nachdem der Wirt uns aufgesperrt hatte, selig und trunken von Musik und anderen guten Dingen aus dem Hinterzimmer und freuten uns auf das nächste Wochenende!"

Auf diese feucht-fröhliche Art also wurde das Jazz Studio geboren. Doch, wie das halt so ist im Leben: Mit der Geburt fangen die Schwierigkeiten erst an. Der Club hatte noch immer keine Räume, und das kleine Nebenzimmer im Augsburger Hof erlaubte keine Konzerte. So waren eine Zeitlang die wöchentlichen Vorträge und Plattenabende nach dem eben beschriebenen Muster die einzigen Aktivitäten des Vereins.

Bis man im Oktober 1954 in dem großen Schutthaufen, der heute wieder das Burgviertel ist, eine Entdeckung machte: Da war unter einem zerbombten Haus ein Keller, halbwegs erhalten und für die Zwecke des Clubs traumhaft geeignet, weil hervorragend lärmisoliert. Und zu allem Überfluss war das Ding auch noch zu mieten! Also hieß es Ärmel hochkrempeln und ausbauen.

Bauarbeiten

Auf dem Foto von 1954 erkennt man nicht nur die Baustelle, sondern auch einige der Gründer bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Der zweite von rechts ist Rudolf Koch, ein Stukkateurmeister, dessen handwerklichem Geschick und Motivationsfähigkeit es zu verdanken ist, dass der "Haufen" von damals nicht auseinandergebrochen ist, sondern sein Werk zu Ende gebracht hat.

Schon im Dezember 1954 war Eröffnung. Im folgenden Jahr lief alles wie geschmiert: Max Greger spielte zweimal im Club, Hazy Osterwald kam - so war der deutsche Jazz der fünfziger Jahre.

Einrichtung

Anfang Dezember 1954, als der Jazzkeller zum ersten Mal eröffnet wurde, war das Mobiliar zwar recht bescheiden, dfür aber umso phantasievoller und vor allem billig. Es bestand aus einfachen Holzbänken, die man aus einer ehemaligen Sauna, die einmal eine Etage tiefer bestanden hatte, "entliehen" war, und aus alten Bierfässern als Tische. Auf dem Foto sind einige der Jazzer der ersten Stunde zu sehen (von links nach rechts): Rudolf Koch, Horst Löhner, Lothar von Berg (oben), Sepp Altstätter und Walter Schätzlein.

Jazzstudio
So sah der erste Bestand im Jazzkeller 1954 aus.Leider sind die Wandgemälde den verschiedenen Umbauten zum Opfer gefallen. Die Musiker auf dem Foto (von links) sind der Gitarrist Hans Haushammer, der sich später Jan Rigo nannte, der Tenorsaxophonist Gustav Scheurer und der Altist Hans Deinzer, beider tragende Säulen der "Atlanta Combo", die in jenen Tagen hervorragenden Westcoast jazz spielte und die Band schlechthin in Nürnberg war.

Dann musste der Club vorübergehend ausziehen, weil das über dem Keller liegende Haus wieder aufgebaut wurde. Der Besitzer versprach jedoch, das Gewölbe zu erhalten und auch weiterhin dem Jazz zur Verfügung zu stellen.

Die Zeit in der Diaspora überbrückte man zunächst in einer Kneipe mit dem Namen "Musikstudio" in der Bayreuther Straße. Dann bot der Konkurrenz-Club Synkope die Friedenspfeife an und lud das Jazz Studio ein, sein Clublokal in der Frommannstraße mitzubenutzen.

Der Oktober 1955 war ein entscheidendes Datum. Im Vereinsregister der Stadt Nürnberg erscheint gleich nach Nummer XXI/59 ("Selbsthilfe - Siedlergemeinschaft "Familie u. Heim") der Eintrag XXI/60 vom 22.10.55: "Jazz Studio NÜRNBERG, Vereinigung zur Pflege der Jazzmusik e.V. mit dem Sitz in Nürnberg, Nordring 92", das war die Adresse eines gewissen Walter Schätzlein. Die Satzung datiert vom 8. Juli 1955.

Damit war das Jazz Studio auf seinen endgültigen Namen getauft. Der Umbau brachte so manche Probleme mit sich: Vor allem musste der Keller so ausgestattet werden, dass die diversen Behörden nichts gegen seine Benutzung als Jazzlokal einzuwenden hatten. Mit nur 200 Mark in der Clubkasse war das ein schier unlösbares Mammutprojekt. Am Ende war die für damals enorme Summe von 12.000 Mark verbaut worden und der Idealismus der Clubmitglieder fast verbraucht. Die Festschrift zum fünfjährigen Jubiläum des Jazz Studios vermerkt 1959 lapidar: "Jeden Samstag und Sonntag waren alle Mitglieder an der 'Baustelle' und halfen, so gut sie konnten. Gegen Ende der fast eineinhalbjährigen Bauzeit waren es etwa nur noch zehn Mann, die sich regelmäßig an den Arbeiten beteiligten."

Mit dem Ende der Renovierungsarbeiten am 22. Februar 1957 war die Sturm- und Drangzeit des Jazz Studio erst einmal vorbei. Nun regierte nicht mehr das Abenteuer im Vereinsleben, sondern genau jene ganz alltäglichen Geldsorgen, die heute wieder aktueller denn je sind.

Mit dem fünfjährigen Jubiläum des Clubs beginnt eine erste größere Konzertreihe namens "JAZZTIME NÜRNBERG". So heißt heute die wöchentliche Radiosendung des Jazz Studios auf der UKW-Frequenz 94.5. Die Konzertreihe "Jazztime" war nicht sehr langlebig. Etwa acht bis zehn Konzerte fanden im "Neuen Theater" in der Bucher Straße, im Lessingtheater und im Kulturverein statt. Unter den Künstlern, die im Rahmen der Reihe präsentiert wurden, waren Joachim Ernst Berendt, Albert Nicholas, das Wolfgang-Lauth Quartett und einige Musiker aus Frankreich. Im "Neuen Theater" fand am 5. Juli 1956 auch das erste große Konzert in der Vereinsgeschichte statt. Zu Gast waren die Two Beat Stompers, das Albert Mangelsdorff Jazzensemble des Hessischen Rundfunks. Nachdem die Veranstalter mit den Konzerten "ein paar Mal finanziell auf die Schnauze gefallen" waren, schlief die Reihe erst einmal ein.

Mangelsdorff

Albert Mangelsdorff hat von allen international bedeutsamen Musikern am häufigsten in Nürnberg gespielt. Er ist auch Ehrenmitglied des Jazz Studios.

In diese Zeit fielen auch die großen Konzerte, die der Club in Zusammenarbeit mit dem Konzertbüro Lippmann & Rau in Nürnberg arrangiert hat. Superstars wie Ella Fitzgerald, Miles Davis, Duke Ellington, John Coltrane, Dizzy Gillespie, Oscar Peterson, Gerry Mulligan, Stan Getz oder das Modern Jazz Quartet haben zum Ende der 50er und zu Anfang der 60er Jahre entweder in der alten Messehalle am Leipziger Platz oder im Lessingtheater im Deutschen Hof gespielt. Fast alle Großen des Jazz waren in jenen Jahren in Nürnberg zu Gast.

Was so ein richtig eingetragener Verein ist, braucht natürlich auch einen Vorstand. Ein Vorstand braucht Vorstandssitzungen, ist ja klar - und was, meine Damen und Herren, wäre eine Vorstandssitzung ohne zünftiges Protokoll. Diejenigen aus der Frühzeit des Jazz Studio sind noch heute wunderbare Lesevergnügen.

Da heißt es etwa in der Einleitung zum Protokoll der "Arbeitssitzung in den Räumen des Herrn Dorn" zum Verlauf des Abends: "Es wurden in einer Zeit von 4 Stunden bei einem sauren Büchsenbier, 1 Flasche Clubsekt und 3 Flaschen milden Rotwein beschlossen: ..." und beschlossen wurde auch nicht so viel anderes als heute. Ein neuer Büroraum musste her, weil der alte mit 70 Mark Monatsmiete (!!!) zu teuer geworden war, der Wirt sollte keinen Kredit mehr geben und Dienstreisen zu Festivals in Wien und Berlin wurden abgesprochen. Unter Punkt 10 endet schließlich die Tagesordnung wie folgt: "Die Sitzung wurde geschlossen. Dorn war müde. Pächtner und Geier aber konferierten noch bis 2 Uhr bei OLD GRAND DAD weiter."

Überhaupt: Das Konferieren (vulgo: Feiern) scheint in jenen Tagen im Jazz Studio noch viel sorgsamer gepflegt worden zu sein als heute. Das belegt auch folgendes Zeitdokument über die Weihnachts-Orgie des Jahres 1964:

 

Trotz dieser Opulenz der Weihnachtsfeier musste der Club anscheinend auch 1964 sparen. Die Festschrift zum zehnjährigen Jubiläum jedenfalls besteht aus vier eng mit Schreibmaschine beschriebenen, hektographierten Blättern, die von einer Heftklammer zusammengehalten werden.

Zitiert sei hier aus dem Aufsatz von Karl-Heinz Nass: "Zehn Jahre sind ein hohes Alter für einen Jazzclub. Nicht alle erreichen es. Nicht einmal viele. Sowohl der Jazz als auch die Vereinigungen seiner Freunde spiegeln ja das nervöse Leben unserer Welt wider. Alle Einflüsse, die auf den Makrokosmos unserer Gesellschaft wirken, sind auch im Mikrokosmos eines Jazzclub spürbar."

Wie wahr- und doch: Was für eine grandiose Fehleinschätzung, soweit sie das Jazz Studio Nürnberg betrifft. Verglichen mit dem Anlass, den es heute zu feiern gibt, war das zehnjährige Jubiläum doch eher der Beginn eines langen Prozesses des Heranwachsens denn biblisches Alter.

Trotzdem hat Karl-Heinz Nass schon damals etwas erkannt, das dem Club auch heute (wieder) sehr zu schaffen macht: "Die gemeinsame Arbeit (am Clublokal Paniersplatz, d. Verf.) hat den Stamm der alten Mitglieder vielleicht enger miteinander verbunden, als Irgend ein anderer Einfluss es gekonnt hätte. (...) Damit ist nichts gegen die jüngeren und neueren Mitglieder gesagt. Sie sind für einen Club so notwendig, wie es junge Triebe für einen Baum sind. Es gibt Gegenbeispiele aus dem gleichen Personenkreis. Sie sind esoterisch geworden. Ihre Mitglieder sprechen eine Geheimsprache und gelegentlich kommt es so weit, dass sich kein Neuling in Ihrem Kreis wohlfühlt. Das Ist dann das Ende."

Wer heute, im Jahre 1994, ein Stargastspiel im Jazz Studio besucht, trifft dort zwar junge Menschen. Doch die Leitung des Clubs liegt, wenn nicht seit seiner Gründung, so doch schon gut drei Jahrzehnte lang in denselben Händen. So schrieb etwa die Laudatio zum fünfjährigen und zum fünfunddreißigjährigen Bestehen derselbe Mann. Junge, oder zumindest jüngere Leute, die langsam beginnen, dem Verein ihren Stempel aufzudrücken, gab es in vierzig Jahren des Jazz Studios nur sehr wenige, zu wenige.

Walter Schätzlein zieht daraus den Schluss: Ein Club in der Größenordnung des Jazz Studios heute ist auch ein Wirtschaftsunternehmen, das sich heute nicht mehr so führen lässt wie vor dreißig, zwanzig, zehn Jahren. Engagement wie das unsrige ist mit heutigen Lebensplanungen nicht mehr vereinbar", sagt er. Der Stress im Berufsleben, der Wunsch nach Familie und Freizeit und das riesige Unterhaltungsangebot nehmen einen großen Anteil des Lebens in Anspruch . Also fordert Schätzlein als Ausweg aus der Misere einen hauptberuflichen Geschäftsführer für das Jazz Studio, der den "kreativen" Vereinsmitgliedern die Routinearbeit abnimmt. Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte.

Blättern wir also erst einmal noch ein Stückchen weiter in den Annalen des Clubs. Im Protokoll der Vorstandssitzung vom 23.8.65 findet sich ein unscheinbarer, doch für die weitere Clubgeschichte äußerst bedeutsamer Satz: "Bei der Stadt sind Schritte wegen eines Zuschusses eingeleitet".

Das bedeutet zweierlei: Zum ersten begibt sich das Jazz Studio mit dieser Entscheidung auf jenen Weg, der die Situation jeglicher Minderheiten-Kultur über die 70er und 80er Jahre hinweg bestimmt hat. Den Weg, oder besser den Ausweg von nicht mehr leistbarer privater oder kommerzieller Finanzierung hin zur Staatsknete. Was natürlich zweitens die ganz besondere Abhängigkeit begründete, in der das Jazz Studio und die Stadt Nürnberg bis heute gefangen sind, die Zitterpartie der jährlichen Etatberatungen eingeschlossen.

Der nächste große Einschnitt in der Clubgeschichte fällt in eine ähnliche Rubrik: 1966 begann der Club zusammen mit der Stadt Nürnberg im damals schwierigen politischen Klima des Kalten Krieges ein Festival auf die Füße zu stellen, das Mauern und Eiserne Vorhänge zumindest aufweichen sollte (JAZZ. Ost-West). Harald Straube und Walter Schätzlein hatten die Idee, das Konzertbüro Lippmann & Rau und die Stadt Nürnberg beteiligten sich. Im Laufe seiner nun auch schon über 28jährigen Geschichte hat dieses Festival ein so starkes Eigenleben entwickelt, dass es eine eigene Geschichte wert wäre. Jedenfalls ist das Festival zu einer Institution in der internationalen Jazzwelt und für Nürnberg eines der wenigen echten kulturellen 'Aushängeschilder' geworden.

Jazz Ost West

Der Tenorsaxophonist Don Menza (links) und Gründungsmitglied Horst Weber bei JAZZ. OST-WEST.

Etwa am Beginn der 70erJahre setzte auch eine andere Betätigung des Clubs wieder verstärkt ein: Das Organisieren von Konzerten außerhalb des engen räumlichen Rahmens am Paniersplatz. Die Konzertreihe "Jazz & Pop" präsentierte Leute wie Klaus Doldinger und Slide Hampton und nutzte erstmals die Katharinenruine als Podium. Die Reihe "Jazz about Swing" nahm sich mehr den traditionellen Teil des Jazzgeschehens zur Brust. Originellster Veranstaltungsort war der damals noch nicht eingeweihte U- Bahnhof Maffeiplatz, in dem gleich fünf traditionelle Bands aufspielten. Gegen 1980 gingen beide Konzertreihen in der bis heute äußerst erfolgreichen Nachfolge-Reihe "The Art of Jazz" auf.

The Art of Jazz

Die German All Stars mit Albert Mangelsdorff, Klaus Doldinger, Manfred Schoof, Wolfgang Dauner, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner bei "The Art of Jazz Nr. 58", dem Jubiläumskonzert des Jazz Studios zum 40jährigen Bestehen des Clubs am 1. Juli 1994 in der Katharinenruine. Seit 1980 gibt es die Konzertreihe "The Art of Jazz". Die Lister der Musiker, die auf den genannten Bühnen gestanden haben, liest sich fast wie ein "Who is Who" des Jazz: Duke Ellington, Count Basie, Miles Davis, Dizzy Gillespie, John Coltrane oder Ella Fitzgerald in früheren Jahren finden sich ebenso darunter wie später Chet Baker, Gary Burton, Lester Bowie, Betty Carter, Abdullah Ibrahim, Carla Bley oder zum 40jährigen Jubiläum die German All Stars, um nur einige wenige zu nennen.

Das nächste Jubiläum des Clubs, das zwanzigjährige, wird nun immerhin schon in Schnelldruck-Qualität im Rahmen des Jazz Studio-Programms gefeiert. Man ist mit Recht stolz darauf, schon mehr als 1.000 Veranstaltungen ausgerichtet zu haben und jedes Jahr um die 75 Konzerte auf die Beine zu stellen: Der Laden läuft ganz offensichtlich. Im Jubiläumsmonat April 1974 sollte das Stargastspiel im Club von keinem Geringeren als Dexter Gordon bestritten werden. Der Club war übervoll, die Spannung kaum mehr zu übertreffen, aber einer kam nicht: Dexter. Die Enttäuschung war riesengroß, und nicht wenige der Festgäste waren richtig sauer. Erst ein paar Tage später entdeckte man im Briefkasten das Telegramm, mit dem Dexter den Auftritt wegen Krankheit abgesagt hatte.

Ein Beitrag der kleinen Festschrift machte sich für damals sicher neuartige Gedanken über die Zukunft des Jazz in Deutschland: "Wenn auch im Jahre 1974 eine Interessenvertretung der Clubs fehlt vielleicht auch gar nicht mehr notwendig ist so haben doch die deutschen Jazzmusiker mit der Union Deutscher Jazzmusiker den Versuch unternommen, eine Institution zu schaffen, die ihre berechtigten Interessen gegenüber ihren Arbeitgebern vertritt, um eine akzeptable Basis für eine berufliche Existenz zu ermöglichen. Die Forderungen der Musiker müssen auch von den Clubs anerkannt werden. Welche realen Möglichkeiten haben aber die Clubs, ihren, vor allem finanziellen Beitrag dazu zu leisten? Wer die Situation der Clubs und Lokale kennt, weiß, dass hier unter den derzeitigen Verhältnissen relativ wenig getan werden kann. Die Begründung dafür ist eigentlich sehr einfach: Wären Clubs und Lokale ein "großes Geschäft", so würde es davon mehr geben. Welche Zukunftsaussichten gibt es dann für Musiker und Clubs überhaupt? Die einzige Chance besteht eigentlich nur darin, dass es gelingen muss, für die Jazzmusik ähnliche Subventionen zu erhalten, wie sie im Bereich der sogenannten ernsten Musik seit undenkbaren Zeiten üblich sind und ohne die die 'ernsten' Musiker - von Ausnahmen abgesehen - in der gleichen Situation wären wie die Jazzmusiker heute!"

Der Ruf nach der Staatsknete - denn um nichts anderes handelt es sich hier, ist in erster Linie Ausdruck des ungeheuer gewachsenen Selbstbewusstseins der Jazzfans, die nun erstmals die Qualität ihrer oft diffamierten Musik mit der sogenannten 'Ernsten' gleichsetzen, dem vermeintlich einsamen Gipfel abendländischen Tonschaffens. Diese Diskussion um staatliche Zuschüsse für kulturelle Einrichtungen ist aktueller denn je. Das Jazz Studio erhält zwar längst einen Zuschuss für die laufende Clubarbeit und die "Art Of Jazz"- Konzerte, die Stadt Nürnberg unterstützt JAZZ. OST-WEST und beteiligt sich an der Finanzierung der gemeinsamen Bürokraft für Club und Festival, doch ob das so weitergeht, ist eher fraglich. Die Zeichen dafür häufen sich schon seit geraumer Zeit.

So appelliert etwa das Vorwort der Festschrift zum 35 jährigen Jubiläum des Jazz Studios, diesmal schon ein äußerst ansehnliches Heft - in fast flehentlichem Ton: ,... soll mit diesem Heft an Jazz-Interessierte und Kulturpolitiker appelliert werden, uns im Bemühen um den Fortbestand eines wichtigen und traditionsreichen Forums für Musik in dieser Stadt zu unterstützen."

Und weiter:

"Aus dem kleinen Jazzclub der Anfangszelt ist heute ein Unternehmen geworden, das auch als solches geführt werden muss. Ökonomische und administrative Zwänge, verbunden mit weit über den Clubbetrieb hinausgehenden kulturellen Aufgaben, machen eine hauptamtliche Zeitung in den nächsten Jahren unumgänglich. Eine Institution wie das Jazz Studio Nürnberg und das Festival JAZZ. OST-WEST können nicht mehr länger von ehrenamtlichen Vorständen geführt werden. (..) Die derzeitige personelle Situation, die geprägt ist von einer permanenten, fast unerträglichen Arbeitsbelastung, greift in einem Maß in den beruflichen und familiären Bereich der einzelnen Akteure ein, dass dies sogar innerhalb einer kurzen Frist nicht ohne ernsthafte Folgen bleiben kann Wenn es nicht gelingt in kürzester Zelt einen hauptamtlichen Mitarbeiter einzustellen und vor allem zu finanzieren, werden wohl die Hoffnungen auf das nächste Jubiläum begraben werden müssen, werden der Club und das Festival am Ende sein."

Der Kampf, der hier so deutlichen Ausdruck findet, der Kampf um eine der Zeit gemäße materielle Ausstattung des Clubs, ist nicht zu Ende. Zwar hat das Jazz Studio inzwischen ein gut funktionierendes Büro, zwar ist auch der Etat von JAZZ. OST- WEST 1994, wie schon derjenige der beiden Vorgänger buchstäblich in letzter Sekunde gerettet worden - aber so kann es nicht weitergehen.

Die Kommunen haben zwar seit Mitte der 90er Jahre ganz erheblich weniger Geld als vor 20 Jahren, und das wird wohl auf absehbare Zeit so bleiben. Auch der Vorschlag, die Kultur dann eben von privaten "Sponsoren" finanzieren zu lassen, wie ihn der ehemalige Nürnberger Kulturreferent Hermann Glaser irgendwann Ende der 80er Jahre ins Spiel brachte, hat sich inzwischen als nur begrenzt realistisch erwiesen. Bei all dem steigen die Künstlerhonorare mit ebenso trauriger Regelmäßigkeit wie die festen Kosten.

Und dann ist da noch das leidige Generationenproblem: Es ist in den letzten Jahren zwar gelungen, die Vorstandschaft des Clubs spürbar zu verjüngen. Trotzdem sind auch noch etliche Herren der ersten Tage maßgeblich an den Entscheidungen beteiligt, repräsentieren den Club nach außen hin, reden mit Politikern, Journalisten und Musikern. Sie sind es noch immer, die dem Club sein unverwechselbares Gesicht geben. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das soll keine Kritik sein an diesen Herren, denn sie machen ihre Arbeit sehr gut, sie identifizieren sich mit "ihrem" Club - und das im besten, in einem Sinne, wie es das heute nicht mehr zu geben scheint: Sie opfern Freizeit, stellen die Familie hintan und sorgen auf diese Weise dafür, dass der Club fortexistiert, der ohne ihr Engagement längst gestorben wäre.

Die Lösung für die Zukunft ist schon angedeutet worden: Es bedarf einer neuen Rollenverteilung zwischen Professionalität, sprich hauptberuflicher Geschäftsführung auf der einen Seite und der Kreativität und einem realistischen, zeitlich möglichen Engagement von Vorstandschaft und Mitgliedern auf der anderen Seite.

U nd ein Weiteres: Wie steht es mit dem Publikum? Schon vor mehr als zehn Jahren beklagt das Protokoll einer Vorstandssitzung: "Seit etwa Mai 1982 ist im Jazz Studio ein ständiger Ruckgang der Besucherzahl festzustellen. Selbst sogenannte 'sichere Gastspiele' sind davon nicht ausgenommen. Da sich diese negative Entwicklung (...) fortzusetzen scheint, ist es notwendig, nach den Ursachen zu suchen und Gedanken für eine Überwindung der Krise zu entwickeln, um die Existenz des Jazz Studio nicht zu gefährden."

Diese und andere Probleme stellen sich seit Jahren, aber immer wieder ist es gelungen, Lösungen zu finden und die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Heute leidet beispielsweise der Besuch unter den Verkehrsbehinderungen in der Innenstadt, unter allzu schönem Biergartenwetter und einer ständig steigenden Zahl von Sommerveranstaltungen. Wegen der immer höheren Kosten wird es bei der 'Größe' des Lokals mit rund 120 Plätzen immer schwieriger, ein attraktives Programm zu finanzieren.

Auch bräuchte der Keller nach 40 Jahren dringend eine optische Aufbesserung. Das sind die Sorgen, mit denen es der Club im Jahre 1994 und danach zu tun hat. Ob und wie sie gelöst werden können, steht in den Sternen. Sicher ist nur eines: ohne Unterstützung von außen, durch die öffentliche Hand und/oder durch Sponsoren, wird es wohl kaum zu schaffen sein.

Eingang

Der Eingang zum Jazz Studio heute. In dieses "Kellerloch" hinabgestiegen sind die lokalen Musiker ebenso wie viele Topstars des Jazz. Mehrere zehntausende von Jazzfreunden haben die steinernen Treppen benutzt und sind durch den langen Gang in das Sandsteingewölbe gegangen.

Doch das Vergießen von Krokodilstränen ist nicht die Aufgabe einer Festschrift - das wäre bei allem Ernst der Lage in diesem Fall wohl auch etwas übertrieben. Das Jazz Studio Nürnberg hat schon ganz andere Schwierigkeiten überstanden, es wird also auch diese überleben.

Denn letztlich ist dieser Club ja kein Selbstzweck, sondern, wie es im Vereinsregister steht, ein "Verein zur Pflege der Jazzmusik" und damit ein Verein, der sich der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts verschrieben hat. Und solange Menschen Freude haben an improvisierter Musik, solange Jazz etwas bewegt in ihrem Innersten, solange wird Bedarf bestehen an solch einem Club, und so lange wird das Jazz Studio leben - mindestens.

3. Kapitel:
History - Erinnerungen

40 Jahre danach - Erinnerungen an die Anfänge.
Von Walter Schätzlein [weiter]

<< zurück zur Übersicht

[nach oben]