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3. Kapitel:
History - Erinnerungen


40 Jahre danach - Erinnerungen an die Anfänge.
Von Walter Schätzlein.

Ich kann mich noch heute ganz genau an meinen ersten Besuch im Nürnberger Jazzclub erinnern, einen Freitagabend im Juli 1954 im "Augsburger Hof". Irgendjemand hielt einen Plattenvortrag über George Shearing, und noch immer klingen mir zwei der Titel von damals so deutlich im Ohr, als wenn es gestern gewesen wäre: "Lulloby of Birdland" und "Indian Summer". Was dann nach diesem Vortrag passierte, hat mir weniger gut gefallen. Man legte zwar weiter Platten auf, begann dazu aber Bier zu "vertilgen", in einer Menge und Geschwindigkeit, die mich - gelinde ausgedrückt - irritierte, so sehr, dass ich als damals noch braver Schüler fast ohne Laster beschloss, nicht mehr hinzugehen.

Auf den Jazzclub gestoßen bin ich durch ein Plattengeschäft in der Ostermeyerpassage, in dem der erste Vorstand des Clubs, Willi Quast, Plattenverkäufer war.

Wilhelm Quast

Ohne ihn wäre die Nürnberger Jazzgeschichte wohl anders verlaufen: Wilhelm Quast.

Es war das einzige Fachgeschäft, in dem es die aktuellsten Schellacks gab, aus heimischer Pressung und auch importierte. Dieser Laden war Treffpunkt und Informationsbörse der Jazzer, dort hörte man gemeinsam die neuesten Scheiben und diskutierte darüber. Vier bis sechs Mark für eine Platte waren für die damalige Zeit ein stolzer Preis und man hat lange überlegt, bis man den Geldbeutel zückte. Für mich "armen" Schüler war die Kaufentscheidung noch schwerer, musste ich doch abwägen zwischen Kino oder Kneipe auf der einen und Jazz auf der anderen Seite. Ein paar von den Schätzen, die ich bei Willi Quast gekauft habe, stehen noch heute wohl geschützt in meinem Plattenschrank. Zwei davon haben für mich eine ganz besondere Bedeutung, zwei Stan Kenton-Platten, die ich bei meinem zweiten Besuch ein paar Wochen später bei einem Quizabend gewonnen habe. Denn dies gab letztlich den Ausschlag, dem Club trotz meiner Bedenken beizutreten.

Den Umgang mit dem Alkohol und das Verharren im Club bis in die frühen Morgenstunden habe ich nach kurzen, sehr "intensiven" Bemühungen schnell erlernt und mir auch auf diesem Gebiet die Anerkennung meiner neuen Freunde erworben. Wenn ich heute auf die vergangenen 40 Jahre zurückblicke, so war es eine wunderbare Zeit, voll mit aufregender Musik und mit Freundschaften, die so tragfähig waren, dass sie bis heute gehalten haben. Die Begegnung und der Umgang mit den Künstlern und mit Menschen, die alles andere als bürgerlich waren, haben mein Leben wesentlich mitgeprägt. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat es immer wieder auch genügend Frust, Stress und Ärger gegeben. Doch letztlich konnten alle Probleme gemeinsam gelöst werden.

Lange bevor es die erste Mark Zuschuss gegeben hat, stand der Jazzkeller längst. Auch heute finden sich noch immer junge Leute, die bereit sind, selbstlos im Club, bei den Konzerten oder beim Festival mitzuarbeiten. Trotz der 40 Jahre bietet der Club auch jüngeren Fans noch Anreize. Die Gästebücher des Clubs reichen bis in die Anfangszeit und sind ein Spiegelbild der Clubgeschichte. Sie wecken schnell die Erinnerung an musikalische Sternstunden. Für diejenigen, die das Glück hatten, sie mitzuerleben, und für die Fangeneration von heute habe ich ein paar Ereignisse ausgewühlt, die zeigen, warum wir das alles getan haben, warum es sich gelohnt hat, auf manche Dinge im privaten Bereich zu verzichten, sich mitunter Ärger in der Familie und im Beruf einzuhandeln.

In den ersten Monaten im "Augsburger Hof" und ab Ende 1954 im Jazzkeller traten Livebands längst noch nicht regelmäßig auf. Da hörte man Platten, meist bis in die frühen Morgenstunden. Jeder brachte seine Lieblingsscheiben oder Neuerwerbungen mit und wartete geduldig am Plattenspieler, der über ein billiges kleines Radiogerät verstärkt worden ist, bis er dran war und seine Platten auflegen durfte. Gehört wurde mit einer kaum vorstellbaren Intensität, man ging genauso mit wie heute beim Livejazz. Bei Stücken wie "Bernie's Tune" des Gerry Mulligan-Chet Baker Quartetts, Woody Hermans "Dancing in the Dawn" und "Early Autum", Stan Kentons "Artistry in Rhythm" oder "I only have Eyes for You" von Stan Getz und den Swedish All Stars waren Zeit und Raum vergessen, dann war man zu einem Teil der Musik geworden. Wenn die Hits der Big Bands liefen "Caldonia" der Herman Herd beispielsweise, dann stellte man sich in Sekundenschnelle zu einer Big Band auf und spielte mit, ohne Instrumente, aber jeder kannte seinen Part, sein Solo, seinen Einstieg.

Das erste große Live-Jazz-Erlebnis im Club fand 1956 statt und brach völlig unerwartet über uns herein. An jenem Abend, das genaue Datum ist nicht mehr rekonstruierbar, wollte ich mit einigen Freunden eigentlich eine Party feiern. So gegen elf Uhr läutete das Telefon und jemand aus dem Club fragte an, ob er ein paar Typen hereinlassen könnte, die behaupteten, Musiker zu sein und die spielen wollten, einer davon würde Hazy Osterwald heißen. In den Anfangsjahren durfte nämlich nicht jeder so einfach in den Club. Da musste man sich schon legitimieren. Bei Hazy Osterwald war dies keine Frage. Er war, auch wenn er gelegentlich im Showbusiness tätig war, auch in Jazzerkreisen wohl gelitten. Seine Band war mit hervorragenden Solisten besetzt, mit dem Bassisten und Sönger Sunny Lang, dem englischen Tenorsaxophonisten Dennis Armitage, Ernst Höllerhagen an der Klarinette und John Ward als Drummer. Von etwa elf Uhr abends bis zum nächsten Morgen um sieben lief im brechend vollen Jazzkeller eine Jam Session ab, bei der die Musiker ein faszinierendes Jazzfeuerwerk entfachten, wie man es spontan nur im Jazz erleben kann.


 

Hazy Osterwald

Die legendäre Session mit dem Hazy Osterwald Sextett im Jahr 1955.

Neben der Musik war es natürlich der Erfolg, der motiviert hat, und wir waren stolz auf unseren Nürnberger Jazzclub. Ein anderes unvergessliches Erlebnis war für mich das Gastspiel von Anthony Braxton mit seinem Quartett mit dem jungen, rotzfrechen Posaunisten Ray Anderson. Als der letzte Ton verklungen war, hatte ich das Gefühl, aus einem wunderschönen Traum aufgewacht sein, einem Traum, der bis heute noch nicht verblasst ist. Eindrucksvoll war auch der letzte Auftritt des schon recht greisen Tenorsaxophonisten Bud Freeman, der mit letzter Kraft mit seinem Horn kämpfte, um ihm ein paar sparsame, brüchige Töne zu entlocken, die aber in ihrer Reife und Schönheit zu dem bewegendsten gehörten, was ich je im Jazzkeller gehört habe.

Als Mitte der 60er Jahre der Saxophonist Don Menza in der Max Greger Big Band spielte, war es nicht selten, dass Don am späten Abend anrief und fragte, ob denn noch etwas los sei und ob eine Rhythmusgruppe da wäre. Gegen ein Uhr war er dann da, häufig zusammen mit dem Altisten Dick Spencer, manchmal auch mit Booker Ervin. Von den Jazzern war natürlich keiner nach Hause gegangen, die saßen schon erwartungsfroh da und warteten gespannt. Nach einem ersten Schluck Bier gingen die Musiker auf die Bühne, stimmten kurz die Instrumente und dann ging es los, ohne Mikrophone und ohne Soundcheck. Oft haben sie sich gegenseitig so hochgepuscht, dass sie vergessen haben, eine Pause zu machen. Wenn man in den frühen Morgenstunden den Keller verließ, war es draußen schon taghell und die Sonnenstrahlen taten den übernächtigten Augen weh. Vor ein paar Jahren betraten mein Freund Günther Pächtner und ich den bekannten Jazzclub Donte's in LA. Dort stand der gleiche Don Menza auf der Bühne vor seiner eigenen Big Band, die gerade anfangen wollte. Don sah uns, ließ die schon erhobenen Arme wieder fallen und bat das Publikum noch um ein paar Minuten Geduld, weil er erst zwei Freunde begrüßen müsse, die von einem Jazzclub kämen, zu dem er eine ganz besondere Beziehung habe. Ein solches Erlebnis geht einem schon wie Öl hinunter.

Es füllt schwer, Gefühlsregungen zu unterdrücken, wenn ein Musiker wie Chet Baker auf einen zugeht und bei der üblichen Umarmung sagt: "Es tut gut Dich wieder zu sehen!"

Chet Baker

Chet Baker 1958 im Jazz Studio Nürnberg.

Nostalgische Erinnerungen? Diese und viele ähnliche Erlebnisse haben uns die Kraft und die Motivation gegeben, bei der Sache zu bleiben. Und die Fans von heute werden vielleicht ähnlich denken und empfinden, wenn sie später einmal von den Musikern dieser Tage und ihren Erlebnissen erzählen, wenn Namen wie Tim Berne, Myra Melford, Randy Brecker, Joey Baron, Carla Bley, Charlie Haden, Gary Thomas, Randy Weston, John McLaughlin oder Joe Lovano fallen. Insoweit ist es legitim, wenn die älteren sich ihre Erinnerungen an Count Basie, Duke Ellington, Stan Kenton, Miles Davis, John Coltrane, Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald, Stan Getz, Gene Krupa und Louis Armstrong bewahren, die alle im Laufe der letzten 40 Jahre einmal in unserer Stadt gespielt haben und deren Auftritte das Jazz Studio organisiert hat.

Daß das Nürnberger Jazz Studio am 2. April 1994 seinen 40. Geburtstag feiern würde, und was einmal aus diesem Club werden würde, das hätte sich sicher keiner der Gründerväter von damals vorstellen können. Sie und die nachfolgenden Generationen haben den Grundstein gelegt für einen international renommierten Jazzclub, in dem die Topstars des Jazz ein und ausgehen, der eines der großen internationalen Jazzfestivals veranstaltet und sogar ein eigenes Jazzprogramm im Privatfunk produziert und der von sich behaupten kann, dass die Kulturszene Nürnbergs um einiges ärmer wäre ohne ihn und alle seine Aktivitäten.

Die Namen Jazz Studio NÜRNBERG und JAZZ. OST-WEST sind in die Lexika und Enzyklopädien eingegangen und stehen neben so berühmten Clubs wie dem Village Vanguard in New York oder dem Jazzhaus in Kopenhagen, die als eine der wenigen die Jahrzehnte überlebt haben. Ein wenig stolz auf unseren Jazzclub dürfen wir schon sein.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch für meine alten Freunde spreche, wenn ich feststelle, dass sich die Arbeit mehr als gelohnt hat und dass wir dafür reichlich entlohnt wurden mit unvergesslichen musikalischen Erlebnissen, wie sie nur der Jazz bieten kann. Man möge mir verzeihen, wenn sich manches etwas euphorisch und emotional liest, aber der Jazz und der Nürnberger Jazzclub waren und sind für mich ein ganz wichtiger Teil meines Lebens und werden es wohl für immer bleiben. Wenn man der Droge Jazz so verfallen ist, kann man halt nicht nur cool reagieren.

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